Der Lindenhof – wo Zürichs Geschichte beginnt
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Wer heute durch die Gassen der Altstadt hinaufgeht und auf dem Lindenhof ankommt, merkt schnell, dass dieser Ort etwas Besonderes ist. Der Lindenhof wirkt wie ein Balkon über der Stadt. Unten die Limmat, die vom Zürichsee durch Zürich zieht, darüber das Grossmünster, das Rathaus und die beiden Hochschulen ETH und Universität.
Der Lindenhof ist nicht nur bei Touristen beliebt, die auf der Suche nach dem perfekten Fotomotiv sind. Für viele Zürcherinnen und Zürcher ist er auch ein Rückzugsort, um dem Alltag für einen Moment zu entfliehen. Doch bevor hier Schach gespielt, entspannt oder fotografiert wurde, war der Lindenhof vor allem ein strategisch wichtiger Punkt in der Entstehungsgeschichte der Stadt Zürich.
Ein Hügel aus der Eiszeit
Der Lindenhof steht nicht zufällig genau hier. Geologisch ist er ein Moränenhügel, ein Überbleibsel aus der letzten Eiszeit, als Gletscher die Landschaft formten und Material ablagerten. Er ragt über die Limmat hinaus und ist trotzdem gut zugänglich. Genau diese Kombination macht ihn seit sehr langer Zeit attraktiv. Wasser war dabei der zweite Trumpf. Flüsse und Seen waren die frühen Verkehrswege. Wer am Wasser sass, der hatte Zugang zum Handel mit Waren, zu Nachrichten und Menschen.
Die Kelten und Römer wählen den besten Platz
Lange bevor Zürich seinen Namen bekam, war der Lindenhof bereits besiedelt. Archäologische Hinweise deuten darauf hin, dass sich um 80 v. Chr. die Kelten auf dem Hügel niederliessen. Wenn man sich vorstellt, wie hier oben Feuer brannten und man auf die Wasserroute hinunterblickte, dann versteht man, dass dies keine Romantik ist, sondern pure Logik.
Mit der römischen Herrschaft ab etwa 15 v. Chr. behielt der Lindenhof seine zentrale Rolle. Aus dem keltischen Siedlungsplatz wurde ein römischer Stützpunkt und später der Mittelpunkt einer Siedlung. Zürich war damals kein prunkvolles Zentrum, sondern ein Ort mit der Aufgabe als Knotenpunkt am Wasser, Umschlagplatz und Kontrolle. Zeuge dieser Zeit ist der Grabstein von Lucius Urbicus, Sohn eines Zollvorstehers. Besonders interessant ist die Inschrift «Turicum», der älteste Beleg für die römische Namensgebung von Zürich. Eine Kopie des Grabsteins befindet sich heute in der Pfalzgasse, das Original wird im Landesmuseum aufbewahrt.
Aus dem Hügel wird ein Kastell
Im 4. Jahrhundert wird der Lindenhof wieder stärker zur Festung. Wer oben sitzt, kontrolliert unten. Ein römisches Kastell machte den Hügel zum befestigten Punkt, der Schutz und Übersicht bot, während sich die Welt um das Römische Reich veränderte. Auch nach der Römerzeit blieb der Ort wichtig. Im frühen Mittelalter wurde der Lindenhof zur königlichen Pfalz, einer Residenz auf Zeit für reisende Herrschaften. Zürich war inzwischen nicht nur Verkehrsplatz, sondern politisch immer bedeutender geworden.
Die Wandlung zum öffentlichen Platz
Nach dem Aussterben der Zähringer wurde Zürich 1218 reichsfrei und die Pfalz verlor ihre Rolle als Machtsymbol. Damit begann die Verwandlung vom Herrschaftsort zum öffentlichen Platz.
1292 musste die Stadt jedoch erstmal noch von den Habsburgern verteidigt werden. Zürich war verwundbar, weil viele Männer im Krieg gegen Winterthur gefallen oder schwer verletzt zurückkehrten. Die Habsburger hatten aber die Rechnung ohne die Zürcher Frauen gemacht, die sich auf dem Lindenhof als Heer formierten und als Krieger verkleideten. Bei den Habsburgern um Herzog Albrecht I. schien es aus der Ferne, dass doch noch ein ganzes Heer von Zürcher Männern zur Verteidigung der Stadt bereitstand. Die Habsburger entschieden sich zum Rückzug und Zürich blieb durch die tapferen Zürcherinnen unbeschadet.
Heute erinnert der Brunnen auf dem Lindenhof an die Legende der tapferen Zürcherinnen. 1422 erfolgte die Pflanzung von 52 Linden auf dem Lindenhof. Von da an war der Ort eine öffentliche Grünanlage innerhalb der Stadtmauern, der als Versammlungsort und Festplatz für Spiele oder politische Anlässe diente. Und so bleibt der Lindenhof bis heute ein Ort mit Aussicht über die Stadt, an dem Zürichs Ursprung besonders spürbar wird.